Mittags um zwölf, irgendwo in einem Dorf im Eichsfeld oder mitten in Erfurt: Die Kirchenglocken läuten. Die meisten hören es kaum noch. Dabei ist dieses Läuten eine Einladung, und zwar zu einem ganz bestimmten Gebet: dem Engel des Herrn.
Das Engel-des-Herrn-Gebet, lateinisch Angelus, dauert keine zwei Minuten. Es erzählt in drei Sätzen den Moment, in dem Gott Mensch wird. Seit Jahrhunderten unterbrechen Menschen dafür morgens, mittags und abends ihre Arbeit. Hier findest du den vollständigen Text, was jede Zeile bedeutet und warum die Glocken dazu läuten.
V: Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft,
A: und sie empfing vom Heiligen Geist.
Gegrüßet seist du, Maria …
V: Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn;
A: mir geschehe nach deinem Wort.
Gegrüßet seist du, Maria …
V: Und das Wort ist Fleisch geworden
A: und hat unter uns gewohnt.
Gegrüßet seist du, Maria …
V: Bitte für uns, heilige Gottesmutter,
A: dass wir würdig werden der Verheißungen Christi.
V: Lasset uns beten.
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein.
Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt.
Lass uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
A: Amen.
An den drei Stellen mit „Gegrüßet seist du, Maria …“ wird jeweils das ganze Ave Maria gebetet. Den vollständigen Wortlaut findest du bei Text und Bedeutung des Ave Maria. Viele beginnen und enden den Engel des Herrn mit dem Kreuzzeichen.
Was ist das Engel-des-Herrn-Gebet?
Der Engel des Herrn ist ein Gebet, das an die Verkündigung erinnert: Ein Engel kündigt Maria an, dass sie die Mutter Jesu wird, und sie sagt Ja. Damit beginnt, was Christen Menschwerdung nennen. Gott bleibt keine ferne Idee. Er wird ein Mensch mit Körper, Geschichte und Familie.
Die Szene steht im Lukasevangelium (Lk 1,26–38). Der Engel Gabriel kommt nach Nazaret zu einer jungen Frau, die mit Josef verlobt ist. Sie erschrickt, sie fragt nach, und dann stimmt sie zu. Der Katechismus sieht in diesem Moment den Anfang der „Fülle der Zeit“ (KKK 484): Die Zusagen Gottes an Israel beginnen sich zu erfüllen.
Das Gebet ist also kein Gebet über Maria allein. Im Mittelpunkt steht Jesus. Maria ist die, durch deren Ja er in die Welt kommt. Wer mehr über ihre Rolle wissen will, findet sie bei was die Kirche über Maria glaubt.
Der Engel des Herrn Zeile für Zeile erklärt
Der Aufbau ist einfach: drei Verse, jeweils mit einem Ave Maria. Dann folgt eine Bitte und ein Schlussgebet. Die drei Verse erzählen eine kleine Geschichte in drei Schritten.
„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“
Der erste Vers sagt, was Gott tut. Er ergreift die Initiative, nicht Maria. Die Antwort „und sie empfing vom Heiligen Geist“ bekennt, dass Jesus nicht von einem menschlichen Vater stammt, sondern durch Gottes Wirken entsteht.
„Siehe, ich bin die Magd des Herrn“
Der zweite Vers gibt Marias Antwort wieder (Lk 1,38). „Magd“ klingt heute nach Unterwerfung. Gemeint ist etwas anderes: Maria stellt sich frei und bewusst zur Verfügung. Der Katechismus sagt, dass Christen mit diesem Satz lernen, sich wie Maria dem Willen Gottes anzuvertrauen (KKK 2677).
Ihr Ja war nicht selbstverständlich. Selbst Josef wollte sich zunächst von ihr trennen, als er von der Schwangerschaft erfuhr (Mt 1,19).
„Und das Wort ist Fleisch geworden“
Der dritte Vers stammt nicht von Lukas, sondern aus dem Anfang des Johannesevangeliums (Joh 1,14). „Das Wort“ meint Jesus, den Sohn Gottes. „Fleisch“ meint: ein ganz normaler, verletzlicher Mensch. Dieser Vers ist die Mitte des ganzen Gebets.
Bitte und Schlussgebet
Die Bitte richtet sich an Maria: Sie soll für uns beten. Das Schlussgebet wendet sich dann an Gott selbst. Es bittet um Gnade und schlägt in einem Satz den Bogen von der Geburt über das Kreuz bis zur Auferstehung. In zwei Minuten steckt so das ganze Leben Jesu.
Angelusläuten: Warum die Glocken um 6, 12 und 18 Uhr läuten
Das Angelusläuten ruft dreimal am Tag zum Engel des Herrn: morgens, mittags und abends. Die Uhrzeiten sind nicht überall gleich. Morgens läutet es je nach Ort zwischen 5 und 8 Uhr, abends im Winter oft früher als im Sommer.
Typisch ist ein besonderes Muster: dreimal drei Glockenschläge mit kurzen Pausen, danach läutet die Glocke länger durch. Die Pausen sind genau für die drei Verse und die drei Ave Maria gedacht. Wer den Rhythmus kennt, erkennt das Angelusläuten sofort.
Auch evangelische Kirchen läuten oft zu diesen Zeiten. Dort heißt es Gebetsläuten und lädt zum Vaterunser ein, ohne die Ave Maria.
Woher kommt der Angelus?
Das Gebet ist nicht an einem Tag entstanden. Es ist über rund dreihundert Jahre gewachsen, Schritt für Schritt, aus dem Glockenläuten heraus.
- 13. JahrhundertDie Franziskaner empfehlen unter ihrem Ordensoberen Bonaventura, beim Abendläuten Maria mit dem Ave zu grüßen.
- 1318Papst Johannes XXII. fördert den Brauch, abends beim Läuten dreimal das Ave Maria zu beten.
- 14. JahrhundertDas Morgenläuten kommt dazu.
- 1456Papst Calixt III. ordnet das Mittagsläuten an, zunächst als Gebet um den Schutz Belgrads vor dem osmanischen Heer.
- 1571Unter Papst Pius V. erhält das Gebet im Wesentlichen seine heutige Form.
- 1742Papst Benedikt XIV. legt fest, dass in der Osterzeit das Regina caeli gebetet wird.
Papst Paul VI. hat 1974 geschrieben, der Angelus brauche keine Erneuerung. Er sei schlicht, biblisch und heilige den Tag in seinem Rhythmus (Marialis cultus, Nr. 41). Die Kirche bietet solche regelmäßig wiederkehrenden Gebete bewusst an, um das ständige Gebet zu fördern (KKK 2698).
Regina caeli: Das Gebet in der Osterzeit
Von Ostersonntag bis Pfingsten betet man statt des Engels des Herrn das Regina caeli, „Himmelskönigin“. Die Stimmung wechselt von der stillen Verkündigung zur Osterfreude. Jede Zeile endet mit einem Halleluja.
Regina caeli, laetare, alleluia.
Quia quem meruisti portare, alleluia,
resurrexit, sicut dixit, alleluia.
Ora pro nobis Deum, alleluia.
Sinngemäß heißt das: Freu dich, Himmelskönigin. Der, den du tragen durftest, ist auferstanden, wie er es gesagt hat. Bitte Gott für uns. Danach folgen ein Wechselvers und ein Schlussgebet über die Freude der Auferstehung. Der deutsche Wortlaut steht im Gotteslob.
Der Text ist seit etwa 1200 belegt, wer ihn verfasst hat, ist unbekannt. Eine Legende erzählt, Papst Gregor der Große habe die letzte Zeile hinzugefügt, nachdem Engel die ersten drei gesungen hatten. Mehr zur Osterzeit findest du bei Ostern und der Osternacht.
Der Papst und das Angelus am Sonntag
Jeden Sonntag um 12 Uhr betet der Papst vom Fenster des Apostolischen Palastes aus den Angelus mit den Menschen auf dem Petersplatz. Davor hält er eine kurze Ansprache, meist zum Evangelium des Tages.
Der Brauch ist jünger, als viele denken. Am 15. August 1954 übertrug Radio Vatikan zum ersten Mal den Angelus von Papst Pius XII. Johannes XXIII. begann 1959, ihn öffentlich mit den Menschen auf dem Platz zu beten und mit einer kurzen Ansprache zu verbinden, anfangs noch nicht regelmäßig. In der Osterzeit tritt auch hier das Regina caeli an seine Stelle. Heute kannst du das Gebet sonntags live im Netz oder im Radio verfolgen.
So betest du den Engel des Herrn im Alltag
Kaum ein Gebet ist so eng mit der Uhr verbunden wie dieses. Genau darin liegt seine Stärke: Es holt Gott mitten in den Tag statt an dessen Rand.
- Einen Anker wählenNimm eine der drei Zeiten, am besten mittags. Wenn keine Glocke in der Nähe ist, stell dir einen leisen Wecker.
- Kurz aussteigenLeg das Handy weg, auch wenn es nur zwei Minuten sind. Mehr braucht es nicht.
- Langsam sprechenBete die drei Verse und die Ave Maria halblaut oder in Gedanken. Bleib bei einem Satz hängen, wenn er dich trifft.
- Das eigene Ja suchenFrag dich beim zweiten Vers: Wozu sage ich heute Ja? Wozu vielleicht besser Nein?
- Mit anderen betenZu zweit geht es im Wechsel, wie im Text vorgesehen: eine Person liest die Verse, alle antworten.
Wenn du schon ein kurzes Morgengebet hast, lässt sich der Engel des Herrn gut daran anhängen. Wer die Ave Maria mag, findet im Rosenkranz eine längere Form derselben Betrachtung.
Der Tag gehört sonst ganz dem Kalender, der Arbeit und dem Handy. Zwei Minuten verändern das nicht sofort. Aber sie erinnern dich jeden Tag daran, dass Gott sich nicht zu schade war, Mensch zu werden, auch für deinen ganz normalen Mittwochmittag.
Häufige Fragen
Warum läuten die Kirchenglocken um 12 Uhr?
Das Mittagsläuten ist in katholischen Gegenden meist das Angelusläuten. Es lädt ein, kurz innezuhalten und den Engel des Herrn zu beten. Den Anstoß gab Papst Calixt III. im Jahr 1456: Er ordnete an, mittags zu läuten und für die Verteidigung Belgrads gegen das osmanische Heer zu beten. Der Brauch blieb nach dem Sieg bestehen. Auch viele evangelische Kirchen läuten mittags, dort als Gebetsläuten zum Vaterunser.
Wie oft betet man den Engel des Herrn am Tag?
Traditionell dreimal: morgens, mittags und abends. Die Glocken geben dafür den Takt vor, meist um 6, 12 und 18 Uhr, je nach Ort und Jahreszeit auch etwas früher oder später. Eine Pflicht ist das nicht. Wer es nur einmal am Tag schafft, betet es oft mittags. Das Gebet dauert etwa zwei Minuten und passt in fast jede Pause.
Muss man beim Angelus knien oder stehen?
Früher kniete man beim Angelusläuten nieder, oft mitten bei der Arbeit, wie es das berühmte Gemälde „L’Angélus“ von Jean-François Millet zeigt. Eine feste Vorschrift für die Haltung gibt es heute nicht. Du kannst im Stehen, Sitzen oder unterwegs beten, allein oder mit anderen. Wichtiger als die Haltung ist, dass du für zwei Minuten wirklich innehältst und nicht nebenbei weiterarbeitest.
Was bedeutet „Angelus“?
„Angelus“ ist das lateinische Wort für „Engel“. Das Gebet beginnt auf Latein mit „Angelus Domini nuntiavit Mariae“, also „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“. Nach diesem ersten Wort ist das ganze Gebet benannt, ebenso das Glockenläuten, das zu ihm einlädt. Gemeint ist der Engel Gabriel, der Maria nach dem Lukasevangelium ankündigt, dass sie Mutter Jesu wird.
Beten auch evangelische Christen den Engel des Herrn?
In der Regel nicht, denn das Gebet enthält dreimal das Ave Maria, und die Anrufung Marias gehört nicht zur evangelischen Gebetspraxis. Die Glocken läuten aber auch an vielen evangelischen Kirchen morgens, mittags und abends. Dort heißt es Gebetsläuten, und man betet dazu zum Beispiel das Vaterunser. Die Verse über die Menschwerdung Jesu stammen direkt aus der Bibel und verbinden alle Christen.
Quellen
- Bistum Mainz: Engel des Herrn (Angelus-Gebet), Gotteslob Nr. 3,6 (PDF)
- katholisch.de: Der Angelus – Gebete erklärt
- katholisch.de: Die Geschichte des Angelus-Gebets
- Papst Paul VI.: Apostolisches Schreiben Marialis cultus (1974), Nr. 41
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 484–511 (Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria)
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2673–2679 (Gebet in Gemeinschaft mit Maria)
- Wikipedia: Angelusläuten
- Bistum Erfurt: Erfurter „Gloriosa“ läutet zum letzten Mal (02.08.2002)
Stand: September 2026. Fehler gefunden? Schreib uns. Wie wir arbeiten











