Das Essen steht auf dem Tisch, alle haben Hunger, jemand greift schon nach der Gabel. Und dann kommt dieser kurze Moment, in dem eine Familie, eine WG oder eine Jugendgruppe innehält. Genau dafür gibt es das Tischgebet.
Ein Tischgebet ist ein kurzes Gebet vor oder nach dem Essen. Es dankt Gott für das, was auf dem Teller liegt, und bittet um seinen Segen. Hier findest du kurze Tischgebete zum Mitbeten: eigene, heutige Texte, die bekannten Klassiker, Tischgebete für Kinder und Gebete für nach dem Essen. Dazu erfährst du, woher der Brauch kommt und wie er auch in einer Runde funktioniert, in der nicht alle glauben.
Gott, danke für dieses Essen
und für alle, die es möglich gemacht haben.
Segne uns, die wir hier sitzen,
und denk an die, die heute hungrig sind.
Amen.
Was ist ein Tischgebet?
Ein Tischgebet verbindet zwei Dinge: Dank und Segen. Du dankst Gott, dass du zu essen hast, und bittest ihn, das Essen und die Gemeinschaft am Tisch zu segnen. Mehr braucht es nicht.
Die Kirche nimmt diese kleine Form ernst. Der Katechismus zählt das Gebet vor und nach den Mahlzeiten ausdrücklich zu den täglichen Gebeten, neben dem Morgengebet, dem Abendgebet und dem Stundengebet (KKK 2698). Er begründet das nüchtern: Wer sich nur „irgendwann“ an Gott erinnern will, vergisst ihn. Feste Momente halten das Gebet im Alltag (KKK 2697). Und kaum ein Moment kehrt so zuverlässig wieder wie das Essen.
Katholiken beginnen und beenden das Tischgebet meist mit dem Kreuzzeichen. Am Ende steht das Amen, ein hebräisches Wort, das „So ist es“ oder „So soll es sein“ bedeutet. Damit machen alle am Tisch das Gebet zu ihrem eigenen.
Kurze Tischgebete vor dem Essen
Diese Tischgebete haben wir selbst formuliert. Du darfst sie frei verwenden, abschreiben und verändern. Sie sind bewusst kurz, damit das Essen nicht kalt wird und jeder sie nach ein paar Tagen auswendig kann.
Guter Gott, wir danken dir für dieses Essen.
Segne es und segne uns.
Amen.
Herr, du gibst uns Brot.
Gib Brot denen, die Hunger haben,
und uns Hunger nach Gerechtigkeit.
Amen.
Gott, dieses Essen kommt von weit her:
von Feldern, Ställen und Händen, die wir nicht kennen.
Segne alle, die gesät, geerntet, gefahren und gekocht haben.
Und lass uns dankbar essen.
Amen.
Der letzte Text ist kein Zufall. Wer vor dem Essen kurz daran denkt, wie viel Arbeit darin steckt, isst anders. Genau das feiern Christen einmal im Jahr groß an Erntedank. Das Tischgebet ist ein kleines Erntedankfest an jedem Tag.
Traditionelle Tischgebete: die Klassiker
Viele Menschen kennen ein oder zwei Tischgebete aus der Kindheit, auch wenn sie sonst kaum beten. Die bekanntesten sind alt, gereimt und ökumenisch: Katholiken und evangelische Christen beten sie gleichermaßen.
„Komm, Herr Jesus, sei unser Gast“
Das wohl bekannteste Tischgebet im deutschen Sprachraum. Wer es verfasst hat, weiß niemand. Schon im 19. Jahrhundert war es so verbreitet, dass der Maler Fritz von Uhde 1885 ein Bild mit dem Titel „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast“ malte.
Komm, Herr Jesus, sei unser Gast,
und segne, was du uns bescheret hast.
Amen.
Der Gedanke dahinter ist schön: Jesus sitzt mit am Tisch. In den Evangelien isst er ständig mit Menschen, auch mit solchen, mit denen sonst niemand essen wollte (Mk 2,16).
„Segne, Vater, diese Speise“
Ein zweizeiliger Klassiker, gut für Kinder und für alle, die es kurz mögen.
Segne, Vater, diese Speise,
uns zur Kraft und dir zum Preise.
Amen.
Psalm 145: „Aller Augen warten auf dich“
Der älteste Text in dieser Liste stammt aus der Bibel. Psalm 145 ist ein Loblied auf Gott, der für alles Lebendige sorgt. Zwei seiner Verse werden seit Jahrhunderten als Tischgebet gesprochen, besonders in Klöstern und evangelischen Familien.
Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit.
Du tust deine Hand auf
und erfüllst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
Martin Luther hat diesen Psalm in seinem Kleinen Katechismus von 1529 als Anfang des Tischgebets empfohlen. Danach folgen dort das Vaterunser und eine kurze Bitte, Gott möge die Menschen am Tisch und seine Gaben segnen. Dieser Dreischritt aus Psalm, Vaterunser und Segensbitte eignet sich gut für festliche Mahlzeiten.
Das lateinische Tischgebet der Kirche
In Klöstern, Priesterseminaren und manchen Familien wird bis heute das alte lateinische Tischgebet gesprochen, eingerahmt vom Kreuzzeichen. Es beginnt mit „Benedic, Domine, nos et haec tua dona“. Auf Deutsch heißt das sinngemäß so:
Segne uns, o Herr, und diese deine Gaben,
die wir von deiner Güte nun empfangen,
durch Christus, unseren Herrn.
Amen.
Bei Kindern ist außerdem „Alle guten Gaben“ sehr beliebt, oft gesungen. Viele Kitas und Familien beginnen damit jede Mahlzeit.
Tischgebete für Kinder
Kinder beten gern, wenn es kurz ist, einen Rhythmus hat und sie mitmachen dürfen. Gereimte Tischgebete funktionieren deshalb besonders gut. Diese beiden haben wir für kleine Kinder geschrieben.
Guter Gott, das Essen ist da,
wir sitzen zusammen, du bist uns nah.
Danke für Brot und Obst und mehr,
segne uns alle, guter Herr.
Amen.
Hände falten, Augen zu,
wer schenkt uns Essen? Gott, das bist du.
Danke, dass du an uns denkst
und uns heute Essen schenkst.
Amen.
So beten Kinder gern mit
- Jeder darf mal: Wechselt euch ab, wer das Tischgebet beginnt. Kinder sind stolz, wenn sie „dran“ sind.
- Ein Danke pro Kind: Nach dem festen Gebet sagt jedes Kind einen Satz, wofür es heute dankbar ist. Das dauert eine Minute und öffnet oft überraschende Gespräche.
- Singen statt sprechen: Viele Tischgebete gibt es als kurze Lieder oder Kanons. Kinder merken sich Melodien leichter als Texte.
- Hände reichen: Wer sich zum Beten an den Händen fasst, spürt: Wir gehören zusammen.
Für viele Kinder ist das Tischgebet neben dem Schutzengelgebet das erste Gebet, das sie auswendig können. Unterschätze das nicht. Was ein Kind jeden Tag am Tisch erlebt, prägt oft mehr als jede Erklärung.
Tischgebete nach dem Essen
Das Gebet nach dem Essen ist heute seltener, aber es hat eine lange Tradition. Im Judentum ist es sogar das wichtigere: Das große Tischgebet Birkat Hamason wird nach der Mahlzeit gesprochen. Es beruft sich auf ein Wort aus dem 5. Buch Mose: Wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du Gott preisen (Dtn 8,10).
Ein Dank nach dem Essen schließt die Mahlzeit bewusst ab, bevor alle aufspringen und den Tisch verlassen.
Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Wir danken dir, allmächtiger Gott,
für all deine Wohltaten,
der du lebst und herrschst in Ewigkeit.
Amen.
Gott, wir sind satt.
Danke für das Essen und die Zeit zusammen.
Lass uns mit dem teilen, was du uns gibst.
Amen.
Wer mehr über das Danken als Gebetsform wissen will, findet weitere Texte bei den Lob- und Dankgebeten.
Tischgebet mit Freunden, in der WG oder in der Gruppe
Allein oder in einer betenden Familie ist das Tischgebet leicht. Schwieriger wird es in der Mensa, in der WG-Küche oder beim Essen mit Freunden, von denen die meisten nicht glauben. In Thüringen ist das eher die Regel als die Ausnahme.
Hier hilft eine einfache Unterscheidung: Du betest für dich, nicht über die anderen. Ein stilles Kreuzzeichen oder ein innerer Satz vor dem ersten Bissen reicht völlig. Niemand muss mitmachen, und du musst nichts erklären. Wenn jemand fragt, sag einfach, was du tust: „Ich bedanke mich kurz.“ Oft wird daraus ein gutes Gespräch.
Peinlich ist es nicht, zu beten. Peinlich wäre nur, anderen etwas überzustülpen.
Wenn du selbst einlädst, kannst du fragen: „Mögt ihr, dass ich kurz ein Tischgebet spreche?“ Das ist ehrlich und lässt allen die Freiheit. Wähle dann einen Text, den auch Nichtglaubende mittragen können, weil er vor allem Dank ausdrückt.
Danke für dieses Essen
und für die Menschen an diesem Tisch.
Gott, segne diesen Abend.
Amen.
Beginnt mit dem Essen ein Gruppentreffen, ein Projekt oder ein Wochenende mit Entscheidungen, könnt ihr das Tischgebet mit einer Bitte um Klarheit verbinden. Passende Worte dafür findest du beim Gebet zum Heiligen Geist.
Warum beten Christen vor dem Essen?
Christen beten vor dem Essen, weil sie ihr Essen nicht für selbstverständlich halten. Es ist ein Geschenk, auch wenn du es selbst bezahlt und gekocht hast. Sonne, Regen und Wachstum kann niemand herstellen.
Der Brauch ist älter als das Christentum. Jüdische Familien sprechen bis heute einen Segen über Brot und Wein, bevor sie essen. Jesus hat diese Praxis übernommen. Bevor er fünftausend Menschen mit fünf Broten satt macht, blickt er zum Himmel und spricht den Lobpreis (Mk 6,41). Beim letzten Abendmahl nimmt er das Brot, dankt und bricht es (Lk 22,19). Und die Jünger in Emmaus erkennen den Auferstandenen genau an dieser Geste: Er nimmt das Brot, spricht den Segen und bricht es (Lk 24,30–31).
Daran knüpft die Eucharistie an, die Feier der Messe. Das Wort bedeutet auf Griechisch „Danksagung“. Jedes Tischgebet ist deshalb ein kleines Echo dieser großen Feier. Paulus hält es später auf einem Schiff im Sturm genauso: Er nimmt Brot, dankt Gott vor allen und beginnt zu essen (Apg 27,35). Im ersten Timotheusbrief heißt es, dass nichts verwerflich ist, was mit Dank empfangen wird, weil es durch Gottes Wort und Gebet geheiligt wird (1 Tim 4,4–5).
Danken heißt auch teilen
Zum Tischgebet gehört ein unbequemer Gedanke. Wer Gott für sein Essen dankt, kann nicht egal finden, dass andere hungern.
Elisabeth von Thüringen hat das radikal ernst genommen. Auf Weisung ihres Beichtvaters Konrad von Marburg aß sie am Hof nur noch Speisen, von denen sie sicher war, dass sie nicht aus unrecht erpressten Abgaben der Bauern stammten. Die frühen Berichte über ihr Leben erzählen, dass sie deshalb oft hungrig von der Festtafel aufstand. Und Franz von Assisi hat in seinem Sonnengesang Gott für Wasser, Erde und Früchte gelobt, für alles, was uns nährt. Beide zeigen: Dankbarkeit bleibt nicht am Tisch sitzen.
So wird das Tischgebet zur Gewohnheit
Ein Tischgebet hält nur, wenn es einfach ist. Diese Schritte helfen dir, damit anzufangen, allein oder mit anderen.
- Eine Mahlzeit wählenFang mit einer Mahlzeit am Tag an, zum Beispiel dem Abendessen. Nicht mit allen dreien auf einmal.
- Einen Text festlegenNimm ein Tischgebet von dieser Seite und bleib ein paar Wochen dabei. Wiederholung macht es leicht.
- Kurz innehaltenLeg das Handy weg, bevor du betest. Ein paar Sekunden Stille machen den Unterschied.
- Kreuzzeichen und GebetBeginne mit dem Kreuzzeichen, sprich das Gebet, beende es mit Amen.
- Einen konkreten Dank ergänzenNenn ab und zu eine Sache, für die du heute dankbar bist. So bleibt das Gebet lebendig.
Du wirst es vergessen, manchmal mitten im Essen. Dann bete eben dann. Gott zählt nicht mit, ob der erste Bissen schon genommen war.
Ein Tischgebet verändert nicht dein Essen. Es verändert, wie du isst: aufmerksamer, dankbarer, mit einem Blick für die anderen. Probier es heute Abend aus. Ein Satz reicht.
Häufige Fragen
Muss man als Katholik vor dem Essen beten?
Eine Pflicht mit Strafe gibt es nicht, und niemand begeht eine Sünde, wenn er das Tischgebet vergisst. Die Kirche empfiehlt es aber ausdrücklich: Der Katechismus zählt das Gebet vor und nach den Mahlzeiten zu den täglichen Gebeten, zusammen mit Morgen- und Abendgebet (KKK 2698). Es geht nicht um ein Ritual, das man abhaken muss, sondern darum, Gott im Alltag nicht zu vergessen.
Betet man vor oder nach dem Essen?
Beides ist alt und gut. Die jüdische Tradition kennt ein großes Dankgebet nach dem Essen, das sich auf 5. Mose 8,10 beruft. Christen beten meist vorher, weil sie um Segen bitten und für das Essen danken, bevor sie anfangen. In Klöstern und manchen Familien gibt es beides: einen Segen vorher und einen kurzen Dank danach. Wenn du nur eines schaffst, nimm das Gebet vor dem Essen.
Was ist das bekannteste Tischgebet?
Im deutschen Sprachraum ist es wohl „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“ Viele Menschen kennen es aus der Kindheit, katholisch wie evangelisch. Ebenso verbreitet ist der Vers aus Psalm 145: „Aller Augen warten auf dich“. Bei Kindern ist „Alle guten Gaben“ sehr beliebt, oft gesungen.
Darf ich im Restaurant oder in der Mensa ein Tischgebet sprechen?
Ja, natürlich. Du musst es nicht laut sagen. Viele machen still ein kleines Kreuzzeichen oder sprechen innerlich einen Satz, bevor sie anfangen. Das dauert drei Sekunden und stört niemanden. Wenn du mit Freunden isst, die nicht beten, kannst du es genauso halten. Du zwingst niemanden, und du versteckst dich nicht.
Beten evangelische Christen anders vor dem Essen?
Kaum. Viele Tischgebete sind ökumenisch und werden in beiden Kirchen gebetet, etwa „Komm, Herr Jesus“ oder der Psalmvers „Aller Augen warten auf dich“. Martin Luther hat in seinem Kleinen Katechismus von 1529 ein Tischgebet mit Psalm 145, dem Vaterunser und einer Segensbitte empfohlen. Katholiken beginnen und beenden das Gebet meist mit dem Kreuzzeichen, in evangelischen Familien ist das seltener.
Ist „Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb“ ein Tischgebet?
Nein, es ist ein Tischspruch. Er wünscht guten Appetit und sagt etwas Schönes über die Menschen am Tisch, aber er richtet sich nicht an Gott. Das ist nicht schlimm, viele Kitas nutzen ihn als gemeinsamen Start. Ein Tischgebet wird es, wenn ihr Gott ansprecht und ihm dankt. Du kannst beides verbinden: erst ein kurzes Gebet, dann der Spruch.
Quellen
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2697–2698 (Gebet vor und nach den Mahlzeiten)
- Wikipedia: Tischgebet (Judentum, christliche Tischgebete, Kleiner Katechismus)
- Wikipedia (englisch): Grace (prayer), lateinische katholische Tischgebete
- Lutherbibel 1912: Psalm 145,15–16
- Lutherbibel 1912: Psalm 106,1
- Wikipedia: Elisabeth von Thüringen (Speisegebot unter Konrad von Marburg)
Stand: September 2026. Fehler gefunden? Schreib uns. Wie wir arbeiten











