Fast jeder kennt den Anfang: „Vater unser im Himmel“. Manche haben das Gebet als Kind gelernt, andere kennen es von Beerdigungen, aus Filmen oder aus dem Religionsunterricht. Vielleicht kannst du es auswendig und hast trotzdem nie darüber nachgedacht, was du da eigentlich sagst. Vielleicht stolperst du nach der dritten Zeile.
Das Vater unser ist wohl das bekannteste Gebet der Welt und das einzige, das Jesus selbst seinen Freunden beigebracht hat. Es ist kurz, man spricht es in einer halben Minute. Aber in diesen dreizehn Zeilen steckt alles, worum ein Mensch Gott bitten kann. Hier findest du den vollständigen Text, woher er kommt und was jede Zeile bedeutet.
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
Vater unser im Himmel: der Text, den katholische und evangelische Christen gemeinsam beten
Der Text oben ist die ökumenische Fassung. Katholische, evangelische und altkatholische Christen im deutschen Sprachraum beten das Vaterunser mit genau diesen Worten.
Das war nicht immer so. Bis in die 1960er Jahre hatten die Kirchen jeweils eigene Fassungen, die sich in Kleinigkeiten unterschieden. 1968 einigte sich die Arbeitsgemeinschaft für liturgische Texte, in der katholische, evangelische und weitere Kirchen des deutschen Sprachgebiets zusammenarbeiten, auf einen gemeinsamen Wortlaut. Seitdem kann man in jedem Gottesdienst mitbeten, egal in welche Kirche man geht.
Wenn deine Großeltern das Vaterunser etwas anders sprechen, liegt es daran. Ältere Fassungen sagten zum Beispiel „Vater unser, der du bist im Himmel“, „zu uns komme dein Reich“, „wie im Himmel, also auch auf Erden“ und am Ende „erlöse uns von dem Übel“. Gemeint ist dasselbe. Die neue Fassung ist nur etwas näher an unserer heutigen Sprache.
Die Frage nach einem eigenen „katholischen Text“ hat deshalb eine einfache Antwort: Katholiken beten dieselben Worte wie alle anderen. Der einzige Unterschied liegt beim Schluss, dem Satz „Denn dein ist das Reich …“. Wann Katholiken ihn beten und wann nicht, erklären wir weiter unten.
Das Vaterunser auf Latein
Jahrhundertelang war Latein die Sprache der Westkirche. Daher kommt auch der Name „Paternoster“, der bis heute in Liedern, Kunstwerken und sogar in der Technik auftaucht. In der katholischen Liturgie wird das Vaterunser gelegentlich auch heute noch lateinisch gesungen, etwa bei großen internationalen Gottesdiensten.
Pater noster, qui es in caelis,
sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Fiat voluntas tua,
sicut in caelo et in terra.
Panem nostrum quotidianum da nobis hodie,
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem,
sed libera nos a malo.
Amen.
Woher kommt das Vaterunser?
Das Vaterunser stammt von Jesus selbst. Die Bibel überliefert es zweimal: im Matthäusevangelium (Mt 6,9-13) und im Lukasevangelium (Lk 11,2-4).
Bei Lukas beginnt es mit einer Szene, die viele kennen dürften. Jesus hat gebetet, und als er fertig ist, kommt einer seiner Jünger zu ihm und bittet: Herr, bring uns bei, wie man betet (Lk 11,1). Die Jünger hatten Jesus oft beten sehen. Sie wollten wissen, wie das geht. Jesus antwortet nicht mit einer Theorie, sondern mit einem Gebet.
Bei Matthäus steht das Vaterunser mitten in der Bergpredigt, der großen Rede Jesu über das neue Leben mit Gott. Direkt davor warnt Jesus davor, beim Beten viele Worte zu machen, als würde Gott einen erst hören, wenn man lange genug redet (Mt 6,7-8). Das Vaterunser ist die Antwort darauf: wenige Worte, die alles enthalten.
Zwei Fassungen: Matthäus und Lukas
Die beiden Evangelien geben das Gebet unterschiedlich lang wieder. Lukas hat eine kürzere Fassung mit fünf Bitten, Matthäus eine längere mit sieben. So lautet die Lukas-Fassung in der alten Lutherbibel:
Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Gib uns unser täglich Brot immerdar. Und vergib uns unsre Sünden, denn auch wir vergeben allen, die uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. (Lk 11,2-4, Luther 1912)
Die Lutherbibel von 1912 folgt griechischen Textausgaben, in denen Abschreiber die Lukas-Fassung schon an Matthäus angeglichen hatten. In den ältesten Handschriften und in heutigen Übersetzungen ist die Lukas-Fassung noch knapper:
| Matthäus 6,9–13 | Lukas 11,2–4 | |
|---|---|---|
| Anrede | „Unser Vater im Himmel“ | nur „Vater“ |
| Bitte um Gottes Willen | ja | fehlt |
| Brotbitte | „gib uns heute“ | „gib uns Tag für Tag“ |
| Vergebung | von „Schulden“ | von „Sünden“ |
| Erlösung vom Bösen | ja | fehlt |
| Anzahl der Bitten | sieben | fünf |
Die Kirche betet in ihrer Liturgie die Fassung des Matthäus (KKK 2759). Viele Bibelwissenschaftler halten die kürzere Lukas-Fassung für die ältere. Die frühen Christen haben das Gebet offenbar nicht wie eine Formel eingefroren. Sie haben es weitergegeben und in ihren Gemeinden gebetet, und dabei wuchs es ein wenig.
Ein Gebet mit aramäischer Wurzel
Jesus sprach im Alltag Aramäisch. Die Evangelien sind aber auf Griechisch geschrieben, deshalb kennen wir das Vaterunser nur in griechischer Form. Ein aramäisches Wort hat sich trotzdem erhalten: „Abba“, Vater. So spricht Jesus Gott in der Nacht vor seinem Tod an (Mk 14,36). Und Paulus schreibt Jahre später, dass Christen im Heiligen Geist genauso rufen: Abba, Vater (Gal 4,6).
Das Vaterunser war von Anfang an das Erkennungsgebet der Christen. Die Didache, eine Gemeindeordnung aus der Zeit um 100 nach Christus, schreibt vor, es dreimal am Tag zu beten (KKK 2767). Um das Jahr 800 ordnete Karl der Große an, dass jeder Christ es auswendig können sollte. Wer das nicht konnte, durfte nicht Taufpate werden. Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Vaterunser-Übersetzungen ins Althochdeutsche.
Der Kirchenschriftsteller Tertullian nannte das Vaterunser um das Jahr 200 eine „Zusammenfassung des ganzen Evangeliums“ (KKK 2761). Das ist keine Übertreibung. Wer dieses Gebet versteht, versteht, worum es Jesus ging.
Wie ist das Vaterunser aufgebaut?
Das Vaterunser hat eine klare Form: eine Anrede, sieben Bitten und einen Lobpreis am Schluss. Die sieben Bitten teilen sich in zwei Gruppen (KKK 2803–2806).
- Die Anrede: „Vater unser im Himmel“. Bevor du um irgendetwas bittest, sagst du, zu wem du sprichst.
- Drei Du-Bitten: dein Name, dein Reich, dein Wille. Hier geht es um Gottes Sache, nicht um deine.
- Vier Wir-Bitten: Brot, Vergebung, Bewahrung in der Versuchung, Erlösung vom Bösen. Hier kommt dein Leben vor, mit allem, was du brauchst und was dir fehlt.
- Der Lobpreis: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“, abgeschlossen mit „Amen“.
Die Reihenfolge ist kein Zufall. Wer liebt, denkt zuerst an den anderen, sagt der Katechismus (KKK 2804). Erst Gott, dann ich. Das dreht die übliche Richtung des Betens um. Die meisten Menschen beginnen mit ihren Sorgen. Jesus beginnt mit Gott, und die Sorgen haben trotzdem ihren Platz.
Vaterunser erklärt: Was bedeutet jede Zeile?
Jede Zeile des Vaterunsers ist für sich ein ganzes Gebet. Hier gehen wir sie einzeln durch.
„Vater unser im Himmel“
Gott als Vater anzusprechen, war zur Zeit Jesu nicht völlig neu, aber es war ungewöhnlich direkt. Jesus lädt seine Jünger ein, mit Gott so vertraut zu reden wie er selbst. Der Katechismus nennt diese Haltung mit einem griechischen Wort Parrhesia: kindliches Vertrauen, freudige Zuversicht, die Gewissheit, geliebt zu sein (KKK 2778).
Für manche ist das Wort „Vater“ schwer. Wer einen abwesenden, kalten oder gewalttätigen Vater hatte, hört darin vielleicht nichts Gutes. Die Kirche nimmt das ernst. Sie sagt ausdrücklich, dass wir unsere Bilder von Vater und Mutter, die aus unserer eigenen Geschichte kommen, nicht einfach auf Gott übertragen sollen (KKK 2779). Gott ist nicht die Verlängerung deines Vaters. Er ist der Vater, den du vielleicht nie hattest.
Das Wort „unser“ ist genauso wichtig. Jesus lehrt nicht „mein Vater“, sondern „Vater unser“. Johannes Chrysostomus, ein Bischof aus dem 4. Jahrhundert, erklärt: Wer so betet, betet nie allein für sich, sondern für alle mit (KKK 2768). Selbst wenn du nachts allein in deinem Zimmer betest, stehst du in einer riesigen Gemeinschaft.
Und „im Himmel“ meint keinen Ort über den Wolken. Es bedeutet, dass Gott größer ist als alles, was wir uns vorstellen können (KKK 2794). Er ist nicht weit weg, sondern jenseits unserer Begriffe. Gerade deshalb kann er jedem Menschen nahe sein.
„Geheiligt werde dein Name“
„Heiligen“ heißt hier: etwas als heilig anerkennen und entsprechend behandeln (KKK 2807). Gott braucht niemanden, der ihn heiliger macht. Die Bitte ist ein Wunsch, dass Menschen ihn als das erkennen, was er ist.
Im Namen steckt in der Bibel die ganze Person. Wer Gottes Namen heiligt, nimmt Gott selbst ernst. Das hat Folgen für das eigene Leben: Wie Christen reden und handeln, entscheidet mit darüber, ob andere Gott für glaubwürdig halten (KKK 2814). Das ist ein unbequemer Gedanke. Er heißt aber auch: Dein Alltag ist nicht egal.
„Dein Reich komme“
Das Reich Gottes ist kein Staat mit Grenzen. Das griechische Wort meint Gottes Königsherrschaft, also die Wirklichkeit, in der Gott das Sagen hat (KKK 2816). Paulus beschreibt sie so: Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist (Röm 14,17).
Nach christlichem Glauben ist dieses Reich mit Jesus schon angebrochen und doch noch nicht vollendet. Wer „Dein Reich komme“ betet, sehnt sich nach einer Welt ohne Unrecht, Krieg und Tränen. Die Bitte ist aber keine Flucht aus der Gegenwart. Der Katechismus betont, dass sie Christen dazu verpflichtet, sich schon jetzt für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen (KKK 2818, 2820).
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“
Diese Zeile ist vielleicht die schwerste. Jesus hat sie selbst gebetet, in der Nacht vor seinem Tod, voller Angst: Nicht mein Wille soll geschehen, sondern deiner (Lk 22,42).
Was ist Gottes Wille? Die Bibel sagt es klar: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2,4), und Jesus fasst seinen Willen in einem Gebot zusammen: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe (Joh 13,34). Gottes Wille ist also kein dunkles Schicksal, dem man sich fügen muss.
„Dein Wille geschehe“ ist kein Satz der Resignation. Es ist ein Satz des Vertrauens. Du sagst damit: Ich habe meine Pläne, aber ich halte sie nicht fester als dich.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“
Hier wird das Gebet ganz konkret. Du darfst Gott um das bitten, was du zum Leben brauchst. Martin Luther hat in seinem Kleinen Katechismus von 1529 aufgezählt, was alles zum „täglichen Brot“ gehört: Essen und Trinken, Kleidung, ein Zuhause, Gesundheit, Frieden, sogar gute Freunde und treue Nachbarn.
Das griechische Wort, das mit „täglich“ übersetzt wird, heißt epiousios. Es kommt im ganzen Neuen Testament nur an dieser Stelle vor, und niemand weiß genau, was es ursprünglich bedeutet (KKK 2837). Es kann „für heute“, „für morgen“ oder „das Lebensnotwendige“ heißen. Die Kirche liest darin auch das Brot des Lebens: das Wort Gottes und die Eucharistie (KKK 2835, 2861).
Zwei kleine Wörter sind wichtig. „Heute“ erinnert an das Manna in der Wüste, das die Israeliten nicht horten konnten (Ex 16,19-21). Du bittest um das, was du jetzt brauchst, nicht um Vorräte für die nächsten zwanzig Jahre. Und „unser“ heißt: Wer so betet, kann den Hunger anderer nicht ignorieren (KKK 2831). Wer um sein Brot bittet, ist mitverantwortlich dafür, dass andere auch welches haben.
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“
Das ist die einzige Bitte, die Jesus direkt nach dem Gebet noch einmal erklärt (Mt 6,14-15; KKK 2841). Wenn ihr anderen vergebt, wird euch vergeben. Wenn nicht, dann nicht.
Dieser Satz ist gefährlich, wenn man ihn ernst meint.
Du bittest Gott, dir so zu vergeben, wie du anderen vergibst. Der Katechismus nennt es „erschreckend“, dass Gottes Barmherzigkeit nicht in ein Herz dringen kann, das selbst nicht vergeben will (KKK 2840). Das ist keine Drohung. Es beschreibt, wie ein verschlossenes Herz funktioniert: Wer sich gegen andere verhärtet, verhärtet sich auch gegen Gott.
Vergeben heißt dabei nicht, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Der Katechismus sagt ehrlich: Es liegt nicht in unserer Macht, eine Verletzung nicht mehr zu spüren oder zu vergessen (KKK 2843). Vergebung beginnt oft damit, dass du für den Menschen betest, der dich verletzt hat, auch wenn es noch weh tut. Wie das praktisch gehen kann, wenn jemand dich wirklich tief getroffen hat, liest du in unserem Text über Vergebung, wenn es weh tut.
„Und führe uns nicht in Versuchung“
Über keine Zeile wird so viel gestritten. Kann Gott Menschen in Versuchung führen? Der Jakobusbrief sagt klar: Nein, Gott versucht niemanden zum Bösen (Jak 1,13).
Der Katechismus erklärt, dass der griechische Ausdruck schwer in ein Wort zu fassen ist. Er meint so viel wie „lass uns nicht in Versuchung geraten“ oder „lass uns ihr nicht erliegen“ (KKK 2846). Du bittest Gott also nicht, dir keine Fallen zu stellen. Du bittest ihn, dich nicht allein zu lassen, wenn es darauf ankommt.
Andere Länder haben die Übersetzung deshalb geändert. Die französischen Katholiken beten seit dem ersten Advent 2017 „lass uns nicht in Versuchung hineingehen“. Papst Franziskus sagte im Dezember 2017 in einem Interview, die alte Übersetzung sei nicht gut, denn ein Vater führe nicht in Versuchung. In Italien heißt die Bitte seit dem ersten Advent 2020 „überlass uns nicht der Versuchung“.
Die Deutsche Bischofskonferenz hat am 25. Januar 2018 entschieden, beim bisherigen Wortlaut zu bleiben. Ihre Gründe: Der deutsche Text ist sehr nah am griechischen Original, und er ist ein gemeinsamer Text aller Konfessionen in allen deutschsprachigen Ländern. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland sah keinen Änderungsbedarf.
Einer, der sich damals ausführlich dazu geäußert hat, ist der frühere Erfurter Bischof Joachim Wanke. In einem Vortrag vor Studierenden in Ilmenau im Juni 2018 erklärte er: Die Bitte muss vom ersten Wort des Gebets her verstanden werden, vom „Vater“. Ein guter Vater stellt seinen Kindern keine Fallen. Jesus ging es nicht darum, zu erklären, woher Versuchungen kommen. Er lehrt uns zu bitten, dass Gott uns in der Krise nicht loslässt.
Wichtig ist noch eine Unterscheidung. Nicht jede schwere Zeit ist eine Versuchung. Es gibt Prüfungen, an denen ein Mensch wächst, und es gibt Versuchungen, die in die Sünde ziehen (KKK 2847). Und versucht zu werden ist noch keine Sünde. Entscheidend ist, ob du zustimmst.
„Sondern erlöse uns von dem Bösen“
Die letzte Bitte ist ein Hilferuf. Das Böse ist in der Bibel keine abstrakte Idee. Der Katechismus sagt deutlich, dass hier auch der Böse als Person gemeint ist, Satan, der sich Gott widersetzt (KKK 2851). Zugleich umfasst die Bitte alles Übel in der Welt: vergangenes, gegenwärtiges und kommendes (KKK 2854).
Du musst nicht alle Fragen über das Böse beantworten können, um diese Zeile zu beten. Sie ist ehrlich. Sie gibt zu, dass es Dinge gibt, gegen die du allein nicht ankommst. Und sie vertraut darauf, dass Gott stärker ist.
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“
Der Schluss nimmt die ersten drei Bitten wieder auf, diesmal nicht als Bitte, sondern als Lob (KKK 2855). Nach allem, was du erbeten hast, stellst du fest: Am Ende gehört alles Gott. Das nimmt Druck. Du musst die Welt nicht allein retten.
Das letzte Wort ist Amen. Es kommt aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie „So ist es“ oder „So soll es sein“. Damit unterschreibst du gewissermaßen alles, was du gerade gebetet hast (KKK 2856, 2865).
„Denn dein ist das Reich“: Warum Katholiken den Schluss anders beten als Evangelische
Der Lobpreis am Ende, Fachleute sagen Doxologie, gehört ursprünglich nicht zum Bibeltext. In den ältesten Handschriften des Matthäusevangeliums fehlt er, bei Lukas steht er nie. Die ersten Christen haben ihn sehr früh im Gottesdienst angefügt. Die Didache kennt eine kürzere Form: „Denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Etwas später kam „das Reich“ dazu (KKK 2760).
In vielen späteren griechischen Handschriften stand der Satz dann im Matthäustext. So kam er auch in die Lutherbibel, in der Ausgabe von 1912 steht er direkt in Mt 6,13. Evangelische Christen beten den Lobpreis bis heute immer mit.
In der katholischen Kirche ist es anders. Hier gilt:
| Wo | Katholisch | Evangelisch |
|---|---|---|
| In der Messe | Mit Lobpreis, aber nach einem Einschub des Priesters | Immer mit Lobpreis |
| Beim Rosenkranz und im persönlichen Gebet | Meist ohne, direkt nach „Bösen“ folgt „Amen“ | Mit Lobpreis |
| In ökumenischen Gottesdiensten | Mit Lobpreis | Mit Lobpreis |
In der katholischen Messe sieht das so aus: Alle beten gemeinsam bis „erlöse uns von dem Bösen“. Dann spricht der Priester allein ein kurzes Gebet, den Embolismus (lateinisch für „Einschub“). Darin bittet er, dass Gott uns von allem Bösen befreit, Frieden schenkt und wir voll Zuversicht auf das Kommen Jesu warten (KKK 2854). Danach antwortet die Gemeinde: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Das „Amen“ fällt an dieser Stelle weg. So ist es seit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Wenn du als Katholik in einem evangelischen Gottesdienst bist oder umgekehrt, bete einfach mit, wie es dort üblich ist.
Wann und wo wird das Vaterunser gebetet?
Das Vaterunser ist das Grundgebet aller Christen. Es kommt in fast jedem Gottesdienst vor, aber auch mitten im Alltag.
- In der Messe: Es steht nach dem Hochgebet und vor der Kommunion. Der Katechismus sagt, dass hier sein voller Sinn sichtbar wird: Das „tägliche Brot“ und das Brot der Eucharistie rücken ganz nah zusammen (KKK 2770). Wie der Gottesdienst insgesamt abläuft, erklärt unser Text zur Heiligen Messe.
- Bei Taufe und Firmung: Wer als Erwachsener Christ wird, bekommt das Vaterunser feierlich „übergeben“. Es gilt als Zeichen des neuen Lebens als Kind Gottes (KKK 2769).
- Im Stundengebet: In den großen Gebetszeiten am Morgen und am Abend, die Priester, Ordensleute und viele andere Christen täglich beten, hat es einen festen Platz (KKK 2768).
- Im Rosenkranz: Jedes der fünf Gesätze beginnt mit einem Vaterunser, dann folgen zehn Ave Maria. Wie das genau geht, steht im Artikel Was ist der Rosenkranz?.
- Bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen: Oft ist es das eine Gebet, das auch Menschen mitsprechen können, die sonst nie in die Kirche gehen.
Das Vaterunser gehört mit dem Kreuzzeichen, dem Glaubensbekenntnis und dem Gegrüßet seist du, Maria zu den Grundgebeten, die viele Katholiken als Kind lernen. Anders als die Mariengebete wie der Engel des Herrn verbindet es alle Konfessionen. Der Katechismus nennt es deshalb trotz aller Trennungen das „Gemeingut aller Getauften“ (KKK 2791). Wenn es irgendwo echte Ökumene gibt, dann in diesen dreizehn Zeilen.
So betest du das Vaterunser, ohne es herunterzuleiern
Das größte Risiko beim Vaterunser ist, dass man es zu gut kennt. Die Worte laufen von selbst ab, und der Kopf ist woanders. Jesus hat davor gewarnt, beim Beten zu plappern. Der Katechismus sagt ausdrücklich, dass das Vaterunser keine Formel zum mechanischen Wiederholen ist (KKK 2766).
Das Vaterunser ist kein Zauberspruch. Es wirkt nicht, weil du es aufsagst, sondern weil du es meinst.
Das heißt nicht, dass du jedes Mal etwas Tiefes fühlen musst. Auch ein müdes, halb abwesendes Vaterunser ist ein Gebet. Aber es lohnt sich, es ab und zu bewusst zu beten. Diese Schritte helfen dabei.
- AnkommenSetz dich ruhig hin und mach das Kreuzzeichen. Atme ein paarmal durch, bevor du anfängst.
- Langsam betenSprich eine Zeile pro Atemzug. Wenn dich ein Wort anspricht, bleib dort stehen. Du musst nicht bis zum Ende kommen.
- Eine Bitte für heuteSuch dir eine Zeile aus, die zu deinem Tag passt. Vor einer Prüfung vielleicht „Dein Wille geschehe“, nach einem Streit „wie auch wir vergeben“.
- Namen einsetzenDenk bei „unser“ an konkrete Menschen. Bei „unser tägliches Brot“ an jemanden, dem es gerade fehlt. Bei „unsern Schuldigern“ an die Person, bei der es schwerfällt.
- Fest verankernBete das Vaterunser jeden Tag zur selben Zeit, etwa als Morgengebet nach dem Aufwachen oder als Abendgebet vor dem Schlafen.
Wenn du das Beten ganz neu lernst, findest du in unserem Text Beten lernen weitere Formen, vom freien Gebet bis zur Stille.
Das Vaterunser ist ein Geschenk, das dir niemand erarbeiten muss. Jesus hat es seinen Freunden gegeben, als sie nicht wussten, wie man betet. Es ist also genau für Menschen gemacht, die unsicher sind. Du musst nicht alles verstehen, was du sagst. Fang mit einer Zeile an, die du ehrlich meinen kannst. Der Rest wächst mit.
Häufige Fragen
Wie viele Bitten hat das Vaterunser?
Das Vaterunser, wie es in der Kirche gebetet wird, hat sieben Bitten. Die ersten drei richten sich auf Gott: sein Name, sein Reich, sein Wille. Die folgenden vier betreffen unser Leben: Brot, Vergebung, Bewahrung in der Versuchung und Erlösung vom Bösen. Diese Fassung stammt aus dem Matthäusevangelium. Bei Lukas steht eine kürzere Form mit fünf Bitten, dort fehlen die Bitte um Gottes Willen und die um Erlösung vom Bösen.
Wo steht das Vaterunser in der Bibel?
Das Vaterunser steht zweimal im Neuen Testament: in Matthäus 6,9–13 und in Lukas 11,2–4. Bei Matthäus ist es Teil der Bergpredigt, Jesus lehrt es dort im Zusammenhang mit der Frage, wie man richtig betet. Bei Lukas bitten ihn die Jünger ausdrücklich: Herr, lehre uns beten. Die Kirche verwendet im Gottesdienst die längere Fassung aus dem Matthäusevangelium.
Warum heißt es „Vater unser“ und nicht „Unser Vater“?
Die Wortstellung kommt aus dem Lateinischen. Dort beginnt das Gebet mit „Pater noster“, wörtlich „Vater unser“. Im Deutschen wurde diese Reihenfolge über Jahrhunderte beibehalten und ist zum Namen des Gebets geworden. Die Lutherbibel übersetzt die Bibelstelle dagegen mit „Unser Vater“. Die gemeinsame ökumenische Fassung von 1968 blieb bei der vertrauten Anrede „Vater unser im Himmel“. Am Sinn ändert die Wortstellung nichts.
In welcher Sprache hat Jesus das Vaterunser gebetet?
Jesus sprach im Alltag Aramäisch, deshalb gehen die meisten Forscher davon aus, dass er das Vaterunser ursprünglich auf Aramäisch gelehrt hat. Überliefert ist es aber nur auf Griechisch, in der Sprache der Evangelien. Ein aramäisches Wort ist trotzdem erhalten geblieben: „Abba“, Vater. So redet Jesus Gott im Garten Getsemani an, und Paulus zeigt, dass schon die ersten Christen Gott so anriefen.
Heißt es „erlöse uns von dem Bösen“ oder „von dem Übel“?
In der heutigen ökumenischen Fassung heißt es „erlöse uns von dem Bösen“. Ältere katholische und evangelische Texte sagten „von dem Übel“, und viele Großeltern beten noch so. Das griechische Wort im Bibeltext kann sowohl „das Böse“ als auch „den Bösen“ bedeuten, „Übel“ trifft das weniger genau. Der Katechismus versteht die Bitte so, dass sie beides umfasst: die Macht des Bösen und alle Übel, die daraus folgen (KKK 2851–2854).
Darf ich das Vaterunser beten, wenn ich nicht getauft bin?
Ja. Das Vaterunser ist kein Mitgliedsausweis, niemand prüft, wer es mitspricht. Die Kirche sieht in ihm ein Gebet, in dem Christen ausdrücklich für alle Menschen beten, auch für die, die Gott noch nicht kennen (KKK 2793). Wenn du zweifelst oder nicht weißt, was du glaubst, kannst du es trotzdem sprechen. Viele merken erst beim Beten, welche Zeile sie wirklich meinen und welche noch nicht.
Quellen
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2759–2760 (Einleitung „Das Gebet des Herrn“; Nr. 2761–2802 auf den Folgeseiten)
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2803–2806 (Die sieben Bitten; Nr. 2807–2865 auf den Folgeseiten)
- katholisch.de: Deutsche Bischöfe gegen neue Vaterunser-Übersetzung (25.01.2018)
- Bistum Erfurt: Bischof em. Joachim Wanke, „Und führe uns nicht in Versuchung …“ (Vortrag in Ilmenau, 2018)
- religion.ORF.at: Neues Vaterunser für Italiens Katholiken (2020)
- Wikipedia: Vaterunser (Textgeschichte, ökumenische Fassung 1968)
- Lutherbibel 1912: Lukas 11 und Matthäus 6
- DOMRADIO.DE: Paternosterkirche auf dem Ölberg nach Restaurierung wieder geöffnet (01.06.2026)
Stand: September 2026. Fehler gefunden? Schreib uns. Wie wir arbeiten










